Glauben Sie etwa an diesen Schwachsinn?

...werde ich oft schockiert gefragt, wenn ich mich auf einer Party als Astrologin vorstelle. Danach mustert mich mein Gegenüber irritiert, überlegt auffallend angestrengt, ob ich unter diesen Umständen überhaupt noch tragbar für eine weitere Konversation sei oder es sogar den eigenen Ruf schädigen könnte, mit mir gesehen zu werden.

Den Rest des Abends kann ich aber in der Regel vergessen, denn für die nächsten Stunden werden mir ungefragt zahllose Details des eigenen Lebens ins Ohr geflüstert. Sind die Bedenken doch zu groß, bittet man diskret um meine Visitenkarte – dann höre ich die Geschichten später in meinem Berliner Büro. Politiker, Banker, Künstler und Geschäftsleute, die mir dort intimste Dinge erzählen, würden sich aber eher die Zunge abbeißen, als mich in der Öffentlichkeit zu grüßen. Und wer sich doch traut, mich wiederzuerkennen, stellt mich anderen Leuten mit meinem „ehrbaren, bürgerlichen“ Beruf vor. Das ist durchaus irritierend – aber verständlich! Noch vor zwanzig Jahren empfand ich Astrologie ja selbst als Beleidigung für den gesunden Menschenverstand.

Damals arbeitete ich für einen Radiosender, in dem zum Jahresende mit konsequenter Regelmäßigkeit Astrologen und Wahrsager ihre Prognosen ins Mikrofon orakelten. Die Voraussagen hätten kaum plumper und beliebiger sein können – trotzdem waren alle fasziniert, vom Chef bis zum Praktikanten. Eine Kollegin strahlte tagelang überglücklich, weil ihr eine Wahrsagerin für nur 500 DM Honorar prophezeit hatte, sie würde in einem halben Jahr heiraten und dann in kurzer Folge zwei Kinder bekommen (noch immer ist sie übrigens lediger, kinderloser Single). Sowohl die Frechheit der Wahrsager als auch die Wirkung ihrer belanglosen Worthülsen konnten kaum krasser sein. Und wie sich herausstellte, war dieser ganze Hokuspokus auch noch legal. Zugleich amüsiert und schockiert nahm ich mir vor, einen Artikel zu schreiben, mit dem ich meinem Ärger über diese Scharlatanerie inmitten der Hauptstadt eines modernen, aufgeklärten Staates Luft machen wollte. Der Besuch bei mehreren Berliner Astrologen und die regelmäßige Lektüre von Zeitungshoroskopen ließen Wut und Material wie erwartet rasant wachsen.

Auf der Suche nach weiterem Zündstoff fiel mir in einem Antiquariat das vierbändige Werk „Astrologische Menschenkunde“ in die Hände – trotz des esoterischen Titels ein hoch faszinierendes Buch. Sein Autor, Thomas Ring (1892–1983), stellte sich entschieden gegen die Vorstellung, nach der die Sterne das Leben auf der Erde beeinflussen und dieses Wirken von den Astrologen gedeutet wird. Stattdessen drehte er den Kausalnexus (also die Ursache des zu deutenden Gegenstandes) um 180 Grad. Seine These: Die Sterne bewirken nicht, dass bestimmte Dinge auf der Erde passieren. Stattdessen ist das irdische Leben fest in die kosmische Ordnung eingebettet, innerhalb der auch die Erde ihre Bahn durch unser Sonnensystem zieht. Ring lehnte also Wirkungen von außen und Schicksalsprognosen ab. Seiner Meinung nach gäbe es in der kosmischen Rhythmik aber Synchronizitäten. Bestimmte Vorgänge auf der Erde hätten also zeitgleiche Entsprechungen in Planetenkonstellationen, obwohl beide nicht kausal zusammenhängen. Welche irdischen Dinge dafür in Frage kommen, begrenzte Ring konsequent. Er verwahrte sich gegen starre Deutungsregeln, jede Form von Vorherbestimmung und konkrete Ereignisprognosen. Diese Argumentation ließ sich zumindest nicht spontan widerlegen.

Je länger und intensiver ich recherchierte, desto stärker wurde mein innerer Konflikt. Einerseits stieß ich weiterhin auf eine Fülle zunächst logisch klingender Kritik an der Astrologie. Bei näherer Betrachtung bezog sich diese jedoch entweder auf deren Vulgärvariante sowie die Unfähigkeit, diese von „ernsthaften“ Untersuchungen zu trennen, oder fußte auf Unkenntnis der Materie und Vorurteilen: Seien es die Tierkreiszeichen, die sich am Himmel verschoben hätten, sodass die Astrologie heute auf ein völlig veraltetes Bezugssystem zurückgreifen würde, oder die schlichte Feststellung, dass die Planeten ja viel zu weit von der Erde entfernt seien, um überhaupt mit irdischen Vorgängen in Verbindung gebracht zu werden. Gleichzeitig studierte ich zahlreiche Untersuchungen, die bei der Prüfung möglicher Übereinstimmungen von kosmischen Rhythmen und irdischen Vorgängen zu beeindruckend eindeutigen Ergebnissen gekommen waren.

Zudem wuchsen meine Erfolgserlebnisse im praktischen Umgang mit dem astrologischen System. Wenn alles Blödsinn war, wieso konnte ich dann das Wesen von Menschen, die ich nie zuvor gesehen hatte, auf Grund ihrer Geburtsdaten so zutreffend beschreiben? Warum waren Freunde und Bekannte derart berührt von der offensichtlichen Stimmigkeit meiner Aussagen?
Seit diesem Zeitpunkt habe ich alles versucht, um hinter das Geheimnis der Astrologie zu kommen: eine Ausbildung beim Deutschen Astrologenverband absolviert, die Werke bedeutender Astrologen – von der Antike bis zur Gegenwart – gelesen, deren Methoden ausprobiert, wieder verworfen oder als praktikabel befunden; später die Grundprinzipien der Astrologie selbst gelehrt und in Artikeln beschrieben.

Nach der Deutung mehrerer tausend Horoskope bin ich noch immer fasziniert, welche Vielzahl an Informationen sich – trotz enger Aussagegrenzen der Astrologie – aus den unscheinbaren Grafiken herauslesen lassen. Noch immer kann ich nicht erklären, warum dieses uralte System in der Praxis funktioniert. Und noch immer ärgere ich mich maßlos über den extrem hohen Prozentsatz an Scharlatanerie.

Wenn Sie mögen, dann probieren Sie einfach selbst an Ihrem Horoskop, dem Ihres Partners, von Familienmitgliedern, Freunden oder Kollegen aus, was an der Astrologie dran ist!